Kommentare zu einem neuen Artikel von Frederike Riesch et al. Von Jana Eccard und Annabel Smith.

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Ökologisch wertvolles Offenland ist in Mitteleuropa oft durch historisch gewachsene Landnutzungsformen entstanden. Offene und Halboffene Flächen beinhalten zahlreiche seltene, streng geschützte Lebensraumtypen und sind Rückzugsräume für viele gefährdete Arten.

Durch den Verlust solcher Landnutzungsformen wird heutzutage ein aktives Management zum Erhalt der Biodiversität offener Kulturflächen benötigt. Ohne Entfernung der nachwachsenden Biomasse würden die Flächen schnell verbuschen, so dass mit dem Offenland assoziierte Pflanzen- und Insektenarten verschwinden.

Als Naturschutzmaßnahme kann eine extensive Beweidung durch Nutztiere eingesetzt werden, welche die Flächen freihalten (hier ein Beispiel aus Schottland). Aber könnten nicht auch einheimische, wilde Huftiere ähnliche Effekte erzielen? Wildtierbeweidung erhält die natürliche Bodenstruktur, die Lebensraumheterogenität und die Biodiversität der Pflanzen. Kostenintensive  Zäune, Beifütterung oder medinische Betreuung der Nutztiere entfallen.

MTA - Stefan Schmidt
Military training areas such as Grafenwöhr in Germany, often have high conservation value. Photo: Stefan Schmidt

Viele Truppenübungsplätze in Europa sind große Naturschutzflächen geworden und umfassen  Offenland, welches durch die militärische Nutzung entstanden ist. Hier gelten besondere Herausforderungen an den Naturschutz. Die schiere Größe der Flächen, aber auch im Boden verborgene Munition oder die fortlaufende militärische Nutzung erschweren den Einsatz von Maschinen zur Mahd. Eine regelmäßige Kontrollen von Weideflächen, Zäunen und Haustierherden ist dadurch erschwert bis unmöglich.

Verwilderungsprojekte und Naturlandschaften verfolgen den Ansatz die Natur sich selber zu überlassen. In vielen dieser  „rewildering“ Projekte werden einheimische Wildtiere eingesetzt die sich frei auf den Flächen bewegen können, und in manchen Projekten sollen, was nicht unumstritten ist, große Raubtiere die Bestände der Huftiere kontrollieren.

Aber können der einheimischer Huftiere auf größen Flächen überhaupt wirksam die Pflanzenbiomasse reduzieren? Sind die Beweidungseffekte vergleichbar mit Beweidung durch Haustiere? Werden ungesteuerte Bewegungsmuster und Habitatpräferenzen von Wildtieren den unterschiedlichen Habitatypen auf den großen Flächen gerecht, welche für ihren Erhalt ganz unterschiedliche Beweidungsintensitäten benötigen? Genau diesen Fragen gehen Forscher der Universität Göttingen nach, und berichteten ihre Ergebnisse in einem aktuellen Artikel im Journal of Applied Ecology. Friederike Riesch und Kollegen haben auf nach FFH-Richtlinie geschützten Lebensraumtypen (Grünland und Heide) Primärproduktion, Futterqualität und Biomasseentnahme durch Rothirsche (Cervus elaphus) erfasst, und  Synergieeffekte zwischen Wildtierbeweidung und zusätzlichen Grünlandpflegemaßnahmen (Brennen, Mähen) untersucht. Hierzu wurden auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr in Bayern mobile Käfige verwendet um Rotwild auszuschliessen.

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Red deer by Marcus Meißner

Grafenwöhr ist Teil des Europäischen Naturschutznetzwerks Natura 2000 und umfasst Waldgebiete, Heiden und Grünland. Der aktive Truppenübungsplatz beherbergt große Stückzahlen Rotwild. Die militätische Nutzung vermindert die Störungen der Tiere durch Freizeitaktivitäten und Verkehr. Um das Offenland für die Tiere attraktiver zu machen, wurde die Rotwildjagd bewusst auf die bewirtschafteten Waldgebiete beschränkt und das Grünland bewirtschaftet. Telemetriestudien belegen den Erfolg der Lenkungsmaßnahmen.

Riesch und ihr Team konnten zeigen, dass Rotwild ähnliche Mengen Biomasse entfernen wie Nutztiere, sowohl im Grünland als auch in der Heide. Im Grünland konnte die Qualität der Gräser und damit die Attraktivität für die Tiere durch eine zusätzliche Mahd verbessert werden, was sich als eine weitere Lenkungsmaßnahme zur Steigerung der Attraktivität des Offenlands und Reduktion des Verbisses in den Waldflächen eignen würde. Die Nutzung war der verschiedenen Offenlandtypen saisonal nicht einheitlich und unterschied sich zwischen den Heide und Wiesenflächen, so dass die unterscheidlichen Ansprüche der Offenlandlebensräume durch Rotwildbeweidung erfüllt wurden und Rotwild beitrage kann die verschiedenen Habitate zu erhalten.

Die Situation in Grafenwöhr ist insofern besonders, dass der Jagddruck und die Störungen im Wald höher sind als im Offenland, wärend auf vergleichbaren Flächen in Mitteleuropa die Störungen im Offenland größer sind. Um also ähnlichen Beweidungsdruck durch Rotwild im Offenland zu erzeugen, müssten auch anderswo Jagdmaßnahmen und Plegemaßnahmen angepasst werden. Aber auch Fressfeinde, wie große Raubtiere können die Habitatnutzung von Weidetieren und damit indirekt die Biodiversität vieler anderer Arten beeinflussen. In Yellowstone, führte die Ausrottung von Wölfen dazu dass Wapitis in großer Zahl auf offenen Flächen grasten, die Wiedereinführung von Wölfen stellte die  ursprüngliche „landscape of fear“ aber schnell wieder her und das Wild hielt sich bevorzugt in dichten Wäldern auf und mied offene Flächen.

Exclusion cage
The moveable exclusion cages used by Friederike Riesch and her colleagues.

Ein aktives Management nicht nur der Aufenthaltsorte (Lenkungsmaßnahmen durch Jagdverortung und Pflege der Nahrungsqualität) sondern auch der Populationsgröße bleibt weiter nötig, da keine großen Raubtiere die Bestände nutzen. Zu hohe Weidetierdichten könnten die Biodiversität gefährden, wie sich an Rotwild auf der Nordhalbkugel oder Känguruhs in Australien bereits gezeigt hat. Daher sollte man sich über die ökologische Einbettung und Ziele des <rewildering> klarwerden, was nicht nur für die Rotwildprojekte gilt. In Europa kann Beweidung durch Pferde Ökosystemleistunge fördern und Biodiversität erhöhen (dieses Journal), während in entlaufene Hauspferde in Austalien fragiles alpine Grünland zerstören. Die Evolution und Interaktionen in einem Ökosystem bestimmen also, ob und wie Herbivoren die Biodiversität beeinflussen. Auch sollten die Ziele klar definiert werden, da Verwilderung nicht zwingend eine hohe Biodiversität mit sich bringt. Viele hochdiverse Grasländer in Europa sind durch historische (oft verschwunden) Landnutzungsformen entstanden und brauchen daher zum Erhalt aktive Pflegemaßnahmen.

Die neuen Arbeiten von Reisch und Kollegen haben gezeigt, dass Rotwildbeweidung eine Option für den Erhalt biodiversen Grünland ist, der im Vergleich zu Nutztieren weniger Aufwand benötigt. Ein Management der Bejagungsorte ist dennoch.  Verfechter von rewilding räumen auch durchaus ein, dass ein gewisses Maß an aktivem Management nötig sein kann um langfristige, ökologische Prozesse einzuleiten. Vielleicht kann die aktive Bejagung der Hirsche von heute irgendwann mit Prädation durch große Raubtiere ergänzt werden?

Read the full Editor’s Choice, Grazing by wild red deer: Management options for the conservation of semi‐natural open habitats, article (free to read for a limited time) in issue 56:6 of Journal of Applied Ecology.